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ein spaziergang im botanischen garten linz

2. April 2016

to the people…:

Unser wunderbarer Nachmittags-Besuch im Linzer Botanischen Garten ist nun schon etwas über zwei Wochen her. Schon viel früher wollte ich so gern  ein paar erinnernde Zeilen daran festhalten, kam nicht eher dazu; so mag ich nun eine kleine Rückschau halten.

An einem freundlichen, sonnigen Nachmittag – etwa eine Woche nach unseren „kreativen“ Dattelcreme-Stunden – finden wir uns vor dem Eingang der Flüchtlingsstation zusammen. So geht unser Grüppchen mit 13 Leuten dann los in Richtung Botanischer Garten. Die junge Profi-Catering-Dame aus Ghana und eine der an diesem Tag anwesenden, ehrenamtlichen Deutschlehrerinnen begleiten uns ebenfalls. Das freut mich sehr. Auf halbem Weg zum „Hügel“ Richtung Stadion hinauf, rufen uns vom Übergang weiter unten, an der stark befahrenen Straße, der afghanische Agrikulturprofessor und sein Bruder zu, winken; wir bleiben auf dem Weg stehen , um auf sie zu warten. Unter vielsprachig Gute-Laune-Geplauder und innerem Froh-Sein darüber, dass einige der Leute noch nicht transferiert wurden „verlaufe“ ich mich/wir uns auf dem Weg zum Pflanzengarten, nehmen beim Stadion eine Abzweigung zu früh nach rechts. In der Gruppe sorgt es für wohlwollendes Schmunzeln und nette Bemerkungen zu für mich geeigneten Sportarten, da mir zwischendrin bergauf immer wieder mal  die Luft und Kondition etwas ausbleiben. Im Stillen bewundere ich den ruhigen, starken Gang der Ghanaerin, frage mich , wieviele Kilometer sie wohl in ihrem Leben bereits für Dinge zu Fuß zurücklegte, die in unserem hiesigen Alltag mehr als selbstverständlich sind. Und ich denke – wieviel doch-noch-Freudiges und noch vorhandene körperliche Kraft die Menschen- in ihren derzeitigen Gesamtrahmenbedinungen und ihren langen Wegen hierher, aufbringen.

In mir steigt etwas Eile, da es schon nach drei Uhr ist und ein ganzer Rundgang sich zeitlich nicht mehr ausgehen wird – nach außen ruhig, denke, wir werden die Rundgänge im Garten einfach nehmen, wie es sich ergibt.  Dann erreichen wir nach einiger Zeit endlich den Eingang und machen einen kleinen Stop vor dem mystischen, alten Korkenzieherhasel-Strauch, Corylus avellana L. Die junge Frau aus Ghana und ich unterhalten uns auf dem Hin- und Rückweg über die Traditionen ihrer Heimat zur Ernte von Sheanüssen und deren Verarbeitung. Ob das, was wir hier in der europäischen Aroma-Kultur über diesen meistverwendeten Naturkosmetik-Basis-Rohstoff wissen und lernen, der Authentizität entspricht. Einer ghanesischen Weisheit nach,  so darf ich erfahren, bringen Frauen für diese aufwendige Arbeit mehr natürliche Geduld mit als Männer. Daher blieb diese wertvolle, traditionelle Weise bis heute „bei den Frauen“. Im Laufe der Jahre entstanden in Ghana als auch anderen Shea-Regionen Afrika’s mehrere sozial nachhaltige Frauenkooperativen/-Projekte zur Sheaverarbeitung. Eine besonders feine, naturbelassene Sheabutter sowie wissenwerte Informationen und schöne Bilder dazu gibt es beispielsweise hier bei Shea Wale. Einige Tage später bringe ich ihr meinen gerade zu der Zeit letzten Rest dieser feinen Shea-Variante und hoffe ihr eine kleine Freude damit zu bereiten.

Wir starten also unsere Pflanzenrunde bei den Glas-Gewächshäusern, in denen allein wir uns schon eine kleine „Ewigkeit“ aufhalten. Wir bestaunen die gerade erblühenden, wachsenden purpurnen Blüten des auf dem silbernen Schildchen als  südchinesischer „Teestrauch, Camellia sinensis O.Ktze.“ (oder Camellia sinensis (L.) Kuntze ?) bezeichneten Gewächses gleich nach der Eingangstür, besuchen den hinteren Raum mit dem dichten Farben-/Formen-Meer unterschiedlichster Kamelienblüten. Auf den wenigen Schritten dorthin halten uns die im Gang gereihten Rautengewächspflanzen in den großen Töpfen in Verzauberung. Erst einige Bäumchen blühen oder tragen bereits Früchte in diesen Tagen. Wir plaudern fröhlich über die verschiedenen Zitrus-Sorten, ihre Bezeichnungen in den Muttersprachen der Anwesenden, welche davon in den Herkunftsländern bekannt sind, bewundern die bereits ausgebildeten Früchte, reiben sacht an den  Zitrusgewächse-typischen-Blättern, suchen die Beschriftungen und nahezu jeder von uns schnuppert mindestens einmal tief, lächelnd, an den bereits offenen Blüten. Die Citrus medica L., hat ihre Blüten gerade am weitesten geöffnet; sie  verströmen wunderbaren, leicht zitronigen Duft. Eine Nase nach der anderen nimmt „mal eben einen tiefen „Schnupperschluck..“. Das aus ihrer Schale gepresste Öl, informiere ich unsere Gruppe, ist in der Aromatherapie als  „Zedrat-oder Urzitrone“ benannt und besonders für die Aromaküche oder dem Aromatisieren vom Trinkwasser geschätzt. Die Frucht des hier kleinen Topf-Bäumchens ist an jenem Tag bereits groß ausgebildet, die verhältnismäßig dünnen Zweige halten die schwer herabhängende Frucht dennoch sicher. Die Leute erfahren, dass die Urzitrone als „Mutter“ der später durch Kreuzungen weiter entstandenen Zitrus-Fruchtpflanzen-Vielfalt bezeichnet wird, wie stimmungshebend und beruhigend zugleich das Riechen an den verschiedenen Fruchtschalenölen und ihren lebenden „Pendants“, den Blüten sein kann.

Ein paar mal tief an süßen Orchideen-Blüten riechend betreten wir den tropischem Klima nachempfundenen Glashaus-Teil , in welchem wir am Kaffee- und Kakaostrauch, an der rankenden,  derzeit nicht blühenden Vanillepflanze und den zarten, winzigen, gegenüberliegenden Mimosenpflänzchen vorbeikommen. Zu jeder dieser Pflanzen gibt es soviel Interessantes zu sagen, so räumen wir jeweils einen kurzen Halt ein, um etwas vom Wissen zu teilen. Bei der Kakaopflanze, Theobroma cacao L., lade ich unsere Begleiterin aus Ghana ein – sofern sie mag – uns etwas über die Verwendungsweisen der Pflanzenteile in ihrer Heimat zu erzählen – wir erfahren, wie die „frischen“ Früchte dieses Sterkuliengewächses (od. Malvengewächse?) aussehen, dass die großen Blätter in einer bestimmten Technik miteinander verflochten und gesteckt werden, unter anderem als Dach-Bedeckung für Hütten und Häuser dienen. Die zarten, winzigen Mimosenpflänzchen, die ihre grünen Blättchen bereits bei fast-Berührung sofort zusammenlegen, erhalten unser Erstaunen.  Dies bringt uns zum Plaudern über Pflanzenkommunikation, ihre differenzierten Abwehr-, Schutz- und untereinander-Warn-Duftstrategien, beispielsweise über den in Jasmin absolue (z.B. von Jasminum grandiflorum L.) und Tomatenpflanzen vorkommenden Stoff Methyljasmonat, der Schutztaktik von Limabohnen oder der aparten Raffinesse der Schichten einer Rosenblüte, die mit zitronigen Duftnuancen beginnend bis zum leicht betäubenden, schmerzlindernden und für Insekten intensiv anziehenden Phenylethanol-Geruch ihrer Mitte. Wir kommen auch zu der so wichtigen und interessanten Forschungsarbeit der Schweizer Biologin und Künstlerin Florianne Koechlin; weiter plaudern wir unter erstaunten und leicht belustigten Blicken auch über Pheromone, die wir Menschen selbst aussströmen, jedoch nicht bewusst erriechen können.

Die rankende Vanillepflanze suchen wir nach ihren Blüten und grün-gelblichen Kapselfrüchten ab („Schoten“), interessierte Fragen aus der Gruppe, weshalb die im Endhandel erhältlichen Vanillestangen dunkelbraun sind, versuche ich darzustellen, dass sich diese erst durch Fermentation, Trocknung, Sonne und einer Art „Dämpfkästen“, in denen sie in Tücher gewickelt werden, ihre Farbe zum uns bekannten Dunkelbraun und zu ihrem charakteristischen Vanilleduft verändern.

Wieder draußen führt der Weg unseres Grüppchens weiter zu den großen, alten Zedern auf der Rückseite der Gewächshäuser, zum Alpin-gestalteten Hügel mit heimischen und ausländischen Latschen – und Kieferngewächsen, aisatischen und europäischen Heilpflanzen sowie homöopathisch genutzten Pflanzen. Wir naschen von den unterschiedlichen Nadelwerken und erriechen „inhalierend“nach sanftem auseinanderbrechen dieser ihr „typisches“ Nadelaroma. Einer der Männer, ein Künstler, der später wunderbare Zeichnungen neben mir am Dufttsich gestaltet, beschreibt den Geschmack der Latschenkiefernadeln als „mango-ähnlich“ und bringt uns Alle zum Schmunzeln, für jeden ist die Empfindung wie die verschiedenen Nadeln nun riechen oder schmecken, unterschiedlich. Wir finden uns wieder in Gesprächen über die Gewächse der Coniferophytina. Während dem Weg auf dem Hügel vergessen wir nicht, der großen, lichten europäischen Lärche „hallo“ zu sagen, deren saftig-weichen, frisch-grünen Nadel an den lang herabhängenden Ästen im späten Frühjahr und Sommer besonders schön sind.

An einem großen Bärlauch-Feld vorbei erreichen wir die erhabene Schwarzkiefer, eine Pinus nigra ssp. pallasiana („Krimkiefer“) an der Weggabelung zum Musikpavillon und Teich oder hinunter zum Rosengarten. Diese Kiefer ist dort einer meiner Lieblingsbäume, erzähle über das feine „magic“, wenn im Frühjahr, ihr feiner gold-beiger Samenstaub der männlichen, blühenden Zapfen in der Sonne wie Feen- oder Sternenstaub glänzt und durch feinste Berührung des Zweiges oder der Nadeln zarte Wolken davon versprüht. Wir entscheiden uns  in Richtung Pavillon und Teich, treffen eine braungetönte, dickfellige Katze, die gleich von jemandem auf  den Arm genommen wird, besuchen auf der freien Bienenwiese die am Rand stehende Goldkiefer, sprechen über die phantasievolle Vielfalt der blühenden Zapfen dieser Gymnospermae-Gewächse. Beim Musikpavillon treffen wir auf eine kleine Zusammenkunft junger Leute  mit Gitarre. Wir bitten sie ganz spontan, ob Sie Lust haben, einen frischen Song für die Leute zu spielen. Ganz unkompliziert und easy sitzen wir auf den Stufen und hören zu, nachher gibt es Applaus von der Gruppe. Zuvor stehen wir noch bei den weißen, klassisch gestalteten Statuen des Neptun und Kronus, rätseln über ihr Wirken als Gottheiten. Ich versuche mich an die Historie griechisch-römischer Mythen-Wesen aus den vielen klassischen Latein-Stunden zu erinnern, muss jedoch mit Schmunzeln ein Nachlesen versprechen, da mir nicht mehr allzuviel davon präsent ist.

Bis zum noch nicht blühenden Rosengarten schaffen wir es nicht mehr, die Gruppe möchte zurück. Zur Stärkung dienten uns bei unserem Ausflug die restlichen, frischen Datteln, die wir nicht in der Dattelcreme verarbeitet haben, dafür zur Gänze mit Freude an diesem Nachmittag verzehrt wurden.

Nach unserer Rückkehr zur Spätnachmittags-Jausenzeit, gibt es danach noch wunderbare, befüllte Duftstunden, in denen wieder einige der intensivst duftenden Blütenabsolues sich als Favoriten zeigen. Selbst der den ganzen Tag über und erst seit Kurzem angekommene, verschlossen wirkende syrische Tätowiermeister entschied gegen Abend, doch noch einen für ihn woltuenden Duftroller zu kreiieren. Ein afghanischer Mann setzt sich neben mich und zeichnet mit Bleistift nach dem Anriechen von Vetiver, dessen Duft ihm sofort bekannt erschien, ein ganzes Blatt  mit genausten Abbildungen von Schlafmohnkapseln sowie einem dunklen, länglichen, „Wurzel – und „Luffagurken“-ähnlich aussehendem Pflanzenteil, mit Querschnitt. In der afghanischen Volksheilkunde werden die weichen Samen dieser Frucht (?) in Flüssigkeit aufgelöst  für Gebärende zur Entbindungserleichterung sowie Säuglingen bei Bauchschmerzen, Übelkeiten und Blähungsprophylaxe, stillenden Müttern zur Milchbildungsunterstützung zubereitet. Die Zeichnungen versieht er mit den traditionellen Namen dieser Frucht, wie ich einige Tage später erfahre, die herabhängend an einem großen Strauch heranreift, ihr Äußeres wie eine holzige Kapsel gebildet ist. Bis heute konnten ich/wir den englischen oder korrekten botanischen Namen dieses Gewächses nicht erkunden, was wir gerne versuchen wollten, bevor diese Station geschlossen wird…, ich werde dran bleiben, diese zu erkunden..

Bevor wir gehen darf ich lernen, dass Afghanistan mit 12  Klimazonen und mindestens dreißig unterschiedlichen Nadelgewächsen beschenkt ist.

An diesem späten Duft-Abend kurz vor der abendlichen Schließung der Station gibt es noch viele schöne Aroma-Momente beim Dufttisch, Gespräche über den in Lybien bekannten „indischen Jasmin“ und „Ghulab“, dem Besuch von Künstlern, ehren- und hauptamltichen Mitwirkenden an diesem Tag, dem  gegenseitigen Herumreichen der gewählten Mischungen, bevor wir die Fläschchen schließen.

es war ein sehr feiner nachmittag zwischen lebenden pflanzen, menschen und wohltuenden gerüchen..

 

 

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